Die Idee

Eröffnungsrede der Ausstellung
Prof. Dr. Heiner Boehncke (Hessischer Rundfunk)

 

The cat is back:
Zeitgenössische Automobilfotografie

Ein eigenwilliges Museum:
Bei den Deutschen Fototagen in Frankfurt holen sich zeitgenössische Fotografen seit 1993 Aufgaben ab, mal Unterhosen, mal Lippenstifte, Reisekoffer, Damenstrümpfe - im Sommer 1997 war es ein nagelneuer Jaguar XK8 Convertible, vollgetankt und in völliger Freiheit für ein bis drei Tage. Künstler, Werbeprofis und Journalisten hatten ihre helle Freude: Und zeigen mit ihren Ergebnissen, dass Automobilfotografie durchaus neue Wege gehen kann.

Für die Jaguar Deutschland GmbH im hessischen Kronberg, die das Projekt als Sponsor begleitete, ein vielfach interessantes Projekt. "Wir erhalten frische Sichtweisen auf unser Auto, lernen eine Menge Fotografen kennen, und bieten den Ausstellungsbesuchern eine unterhaltsame und lebendige Ausstellung", formuliert der Geschäftsführer Jeffrey L. Scott.

Andeutungen einer Reise

Von Rainer Wick

I.

Wirklich bedeutend war das Automobil der Familie nach dem Skifahren, oder nach einem langen Tag am Meer: Drei übermüdete, aufgeregte, durchfrorene Kinder gierten nach Heizung und Höhle. Nach der einstündigen Nachhausefahrt waren wir schwer zu wecken und nur schwer dazu zu überreden, die Höhle zu verlassen.

Auf dem Hinweg immergleich: Drei Kinder auf der Rückbank des Wagens, singenderweise, mit einem Repertoire für knapp eine Stunde. Mein Vater muss sich vor längeren Autofahrten gehütet haben, um den gewiss quälenden Repetitionen zu entgehen.

Zürich - Venedig: Staunend durch andersartige Landschaft, aber auch: Nicht ungern zurück in die sichere automobile Höhle, nach kurzen Mittagessen in fremdwirkenden Gasthäusern. Die Welt durch den Bildschirm der rückwärtigen Fenster: Autoreisen war Fernsehen. Und musste auch nicht näherkommen.

Das Auto war eine hydraulische Hebebühne: Mein Vater wies mir nach, dass wir mit dem Auto durch einen Bach beeindruckender Tiefe und Breite kommen konnten. Und, Tatsache, mit sorgsam geführtem Gaspedal bezwang der Wagen einen Bach, der fast Fluss war. Häuptling Der - über - Wasser - geht ist geboren. Der starke, sichere, behutsam befördernde, Natur bezwingende Wagen: Eine Vaterfigur, oder: Eine Figur des Vaters im Spiel mit dem Sohn.

Modellautos prägen Präferenzen mit. Unergründlich, bei mir wars ein roter Jaguar E. In der Realität fuhr ich bei allen Citroen's der 60er und 70er Jahre mit: Nicht der Gipfel an Eleganz, aber sicher und sehr komfortabel.

Filme und Comics prägen Präferenzen mit, autofreie Zonen gibt es nicht. Die Autos von Tanten und Onkeln, Auto - Quartett - Spiele, Comics, Jerry Cotton und Barbie, Bond, Hollywood und Fernsehserien.

So mit acht gings los: Auf dem Weg zur Schule guckten wir bei jedem auffälligen Wagen in den Innenraum, wegen Tacho, Interieur; bald prägte sich eine differenzierte Modell- und Markenübersicht. Das Singen auf der Rückbank war vorbei, nun guckte ich entlang der Autobahn Modellpolitik.

Mit sechzehn, siebzehn entscheidet sich der Junge Mensch für das Erreichbare, das Mögliche: 2CV, Golf, Kadett, Nissan, Gebrauchtwagen, mit achtzehn labert er sie sich schön, isjanur fürkurz, denn mit zweiundzwanzig, allerspätestens, fahren sie Porsche fünfzehnter Hand, den dann zu Schrott, wohin der Weg nicht sehr weit ist, und so werden die Jungen Menschen mit rund zwanzigtausend Mark Schulden ins Erwachsenenleben entlassen, Lehrgeld Automobilfieber.

Nein, auch bei mir war das anders, ich wollte keinen Führerschein. Mit vierzehn fuhr mich mein Bester Freund in stehende Fahrzeuge, mit etwa vierzig Kmh. Mein Flug durch die Windschutzscheibe hinterliess Spuren, die mir vom Autofahren dringend abrieten. Und zwar täglich.

Und da entschloss ich mich, dabei zu sitzen. Mit freien Händen und müssig neben einer Freundin zu sitzen, die sich auf den Verkehr konzentriert, oder hinten zu sitzen wie bei Vatern.

Was bewegt uns zum einen oder anderen Gefährt? Die Kindheit, die Jugend, ein Meer von Erinnerungen und Verbindungen, das Auto ist viel mehr als die Summe seiner Teile und Technik, Symbol elterlicher Autorität, Wohnhöhle, Sicherheitszone, ja, und nicht zu vergessen: Gesprächsraum. Es gab noch kein Autotelefon, Insassen waren unter sich: Wo lässt es sich derart wunderbar plaudern? Mit einer sehr intimen Akustik ist das Auto ideal für jede Art von Gespräch.

Der erste Orgasmus? Im Auto. Die besten Ratschläge vom Häuptling Der - über - Wasser - geht: Im Auto. Fröhliche Reisen in den Urlaub und ins Wochenende: Im Auto. Freiheit? Im Auto. Mobilität, Lebensraumradius, Horizont: Durch das Auto entstehen Freiräume für Erfahrungen aller Art.

II.

Die Automobilfotografie ist ein Thema, dem wir uns als Fotomuseum widmen müssen: Das Auto hat zentrale Bedeutung in der Wirtschaft und im gesellschaftlichen Leben. Die Idee der Ausstellung sollte zweifach wirken: Einer- seits Ergebnisse einer Art von Umfrage unter drei Generationen von Fotografen liefern, andrerseits der Kommunikation Hinweise auf Tendenzen und Talente geben. Wir haben viele Frauen angesprochen und alle waren hingerissen von der Idee, Auto "mal ganz frei zu machen", ohne Zwänge von Arbeitgebern und Kunden.

Und alle Frauen brachten das Auto mit glänzenden Augen zurück, begeistert von der bewältigten Aufgabe und vom Gefährt. Die Ausstellung erzählt Geschichten starker Ge- fühle. Die Männer waren cooler, aber wenigstens genauso hingerissen. Honorare für die geleistete Arbeit gab es nicht.

Das Fotomuseum hat in den vergangenen vier Jahren etwa zwanzig Ausstellungen produziert, die Ergebnisse solcher Befragungen zeigen. Im Frühjahr und Sommer 1997 gab es eine Zeit, da weit über einhundert Fotografen aus allen Landesteilen nach Frankfurt kamen und sich im Museum Unterwäsche abholten. Reisetaschen werden abgeholt, Lippenstifte, Kleider und Anzüge, Unterhosen und BH's - und dann die Schlüssel für einen wunderschönen, akkurat polierten Jaguar. Ein lebendiges Museum.

Das Projekt lief ruhig an, drei Probe-Shootings im Lande, doch dann: Barcelona mit Peter Knaup. Auf halber Strecke: Umdisposition nach Paris, auf halber Strecke: Umdisposition nach Frankfurt für Budapest. Der schwarze XK8 und ich lernten uns kennen. Der Fahrer: Ojars Baumeister, Buchhändler aus Berlin, eingefleischter Alfa Romeo mit Hang zur Harley - Davidson. Er konvertierte nicht, auch nicht nach viertausend Kilometern, ihm fehlte das Schalten. Aber als wir durch die bayerischen Berge spazierenfuhren, der Motor nicht zu hören war, ein schwebendes Gleiten: Da gab er es zu, da schmolz er hin, da war er fertig!

Auch Brigitte Schecker, Werbekauffrau aus Frankfurt am Main, Typ ruppig und wendig, BMW und Fiat-Tendenzen, kann die Veränderung ihres eigenen Fahrstils nach zehn Minuten Jaguar nicht fassen: "Man wird souveräner" merkt sie auf und geniesst den Kicktown, der ihr fast den Rückspiegel erspart.

Ängstlich Otto Wiedemann, der Wirtschaftsjournalist, der die Potenz des Motors in den Aktienkurs von Ford übersetzt sieht. Die viertürige Limousine von Jaguar tut es ihm an und da sieht er auch grosse Wachstumschancen: "Die Marke ist Sympathiewert, ein nur teilweise gehobener Schatz".

Von seinem Jeep steigt für kurze Fahrten Anian Schmitt, ein Student der Wirtschaftswissenschaften auf Jaguar um. Zwanzig- jährig, bereits nach kurzen Exertitien fürs ganze Leben geprägt: Das ist ein Auto! Ende mit Suchen. Oh, geliebter Jugend Ent- scheidungskraft!

...Nicht vorfahren wollte Wolfgang Fischer, Soziologe, weil die Leute gucken. Er, der Studien mit Taxifahren finanziert hatte, war mit dem XK8 gerne allein auf weiter Flur; innigst mit dem Motor trödelnd plaudern, Genuss ausgefeilter Technik in einer Loge geniessen: Wer viel im Auto sass, weiss wo der wirkliche Luxus sitzt. Die Amerikanisierung von Jaguar ist gelungen, meint er beim Abschied und deutet auf den Cup- Holder. Aber das Britische ist intakt geblieben.

III.

Es war klar, dass wir den Fotografen etwas sehr besonderes bieten mussten, um sie für die Aufgabe zu begeistern. Und bereits beim ersten Gespräch mit der Jaguar Deutschland GmbH war klar, daß wir keinen Partner suchen mussten, sondern gefunden hatten. Helga Tauber-Hofmann und Jutta Schmidt stellten uns den XK8 als Cabriolet und später die viertürige Limousine vor die Tür. Jeffrey L. Scott, der Geschäftsführer der Jaguar Deutschland GmbH segnete das Experiment mit Wohlwollen und Gelassenheit: Wir boten Autoschlüssel, Vollkaskoversicherung und völlige Freiheit. Viele Katzen im Sack: Über sechzig Fahrer mussten in den sechs Monaten des Projektes eingewiesen werden. Lack- und Karrosserie- schäden raubten Zeit, stürzten Terminpläne über den Haufen, schlechtes Wetter zerstörte Bildkonzepte und so weiter und so fort. Einer vergass den Autoschlüssel im Kofferraum, musste den Jaguar mit geöffnetem Dach in eine Garage abschleppen, overnight-Kuriere sorgten für einen Nachschlüssel: Es mangelte nicht an Aufregungen. Abschleppen wegen Falsch- parkens, Nullstand der Benzinanzeige, Bussen über Bussen, Hundehaar, verlorene Handies: Wie im richtigen Leben, nur doppelt!

Nach dem zehnten Auftrag wurde das Briefing intensiver, um Redundanzen zu verhindern, die Geschichte rund zu machen. Der Wagen bereiste Europa, von Budapest bis Paris, von Konstanz bis Flensburg, er begegnete Werbefotografen, Künstlern und Journalisten; drei Generationen von Fotografen sind beteiligt.

Die Ästheten überwiegen, der Faszination der Symbolik und der Form erlegen; in Korrespondenz zu wunderschöner Landschaft und Umgebung inszenierte elegische Ode an die elegante schöne Form, Heli Hinkel, Henneka, Peter Knaup liefern Beispiele.
Einige weisen auf den Bullen hin, der im Jaguar steckt, einer schickt ihn mit Pferden ins Rennen, letzteres Karoly Pump.
Tasja Keetmanns dreiteilige Sicht aus dem Innenraum des Wagens auf ein undeutliches Aussen betont die Er- fahrung der Ruhe im Jaguar. Als ob die Aussenwelt wenigstens akustisch abgeschaltet werden könnte.
...Für Eva Mahn ist der Wagen ein Stück Tollhaus, ein exquisites Requisit für das Theater, Christiane von Götz und Gabi Gerster machen die lange Haube zur Bühne: Der theatralische Auftritt, bestechend durch Eleganz und den leisen Motor, ist mehrfach wahrgenommen worden. A.T.Schaefer ging sehr nahe an sein Objekt heran und suchte im Kleinen die Form des Grossen. Die abstrakte Komposition könnte als Parabel gelesen werden: Wie ungenau unser Blick wird, wenn er nahe an das Objekt gerät. Wie wenig wir wissen über die Objekte unserer Begierden.

Die Ausstellung resümiert durchaus nicht das gewöhnliche Automobil, das Repräsentant für Stau und Widrigkeiten des Autofahrerlebens sein könnte. Kritik kommt nicht vor, das war die Hypothek des Unternehmens, dazu war das Auto einfach zu schön.