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Eröffnungsrede von Prof. Dr. Heiner Boehncke
Frankfurt, 17. September 1998
Meine Damen und Herren
Vor Jahren fragte mich der ganz kleine Sohn eines Freundes, wofür denn bitte der Mond eingentlich Reklame macht - ich war sprachlos und antwortete dann: "Für gar nichts, der ist einfach nur da!" Nun werde ich angesichts der hier schwebenden Riesenbilder, die von den Deutschen Fototagen für die Deutsche Städte-Reklame in der Commerzbank ausgestellt werden, nicht den werbe-freien Mond gegen Bilder oder Plakate ins Feld führen, die nicht "einfach nur da sind", sondern nebenher oder hauptsächlich Reklame machen sollen für Produkte, Politiker, Institutionen. Sie alle, meine Damen und Herren, haben heute auf dem Weg hierher Plakate sehen müssen, die einem die Schuhe ausziehen. Daß viele und gerade Wahlplakate so schlecht sind, liegt vor allem daran, daß bei ihnen eine Grundregel mißachtet wird: Plakate müssen für sich selbst werben, bevor sie für Produkt- oder eben Politikerwerbung taugen. Mit anderen Worten: wenn die ästhetische Botschaft verhunzt ist oder vor lauter plumpem Inhalt nicht zum Vorschein kommen kann, ist die Werbefunktion für die Katz! Was das mit den hier ausgestellten Fotoplakaten zu tun hat? Leider kann ich das nur über einen kleinen Umweg erklären, aber Sie können ja, während sie mir zuhören, ganz ungeniert die großen Bilder betrachten! (Hoch genug hängen Sie ja, liebe Commerzbanker!) Gerade an dieser Stelle ist ein Kompliment fällig: Die Deutsche Städte-Reklame ist ja nicht nur Marktführer und ungemein innovativ bei der Entwicklung neuer Plakatstellen, City-Light, Aluminium-Säulen, etc., sie wacht auch über die ästhetische Qualität in der Plakat-Kunst. Und das tut sie auch, weil sie klug ist. Weil in unseren visuellen Endlosschleifen Plakate nur überleben können, wenn ihre Betrachtung, das Hinsehen - so blitzschnell es auch sein mag - mit optischem Vergnügen verbunden ist. Mit pfiffiger Irritation, mit einem Doppelblick auf die visuelle Qualität und die Botschaft. Ganz blitzgescheite Doppelblicker sind auch in der Lage, die ästhetische Botschaft von der werblichen zu trennen. "Welch ein grandioses, vertrackt-witziges Plakat, na ja für Zigaretten,..wo ich Nichtraucher bin!" Sowas kann eine Städte-Reklame nicht gerne hören oder aus Gründen der plakativen Klugheit vielleicht doch! Denn nur, solange Plakate über diesen ästhetischen Widerhaken, diesen Augen-Angelpunkt verfügen, überleben sie im Bilderdschungel. Ende des Umwegs! Es ist von der Deutschen Städte-Reklame nicht nur sehr großzügig, sondern klug, zwanzig große Bilder zu zeigen, die -wie der Mond - einfach nur da sind, beziehungsweise hier sind - und wie! Diese Bilder tauchen im öffentlichen Raum - und die Commerzbank-Plaza ist ein solcher Raum - auf wie Überraschungs-Elefanten, Bilder-Bescherungen. Sie erwischen uns ohne große Rituale wie Schlange-stehen, Eintritt-zahlen, Still-sein - und, damit sie nicht überwältigt in die Knie gehen, kommen die Bilder nicht zentnerschwer daher: sie schweben mit einem Kilogramm pro Bild mehr als sie hängen oder kleben. Also, endlich zur Klugheit der Städte-Reklame: Diese wunderbaren Fotoplakate werben für nichts außer für sich selbst und damit für den Blick, fürs Hinsehen. Und das ist ungeheuer viel! Die visuelle Konzentration, die ungetrübte Aufmerksamkeit wird belohnt durch Rätsel, Irritationen, oder sogar durch kurzfristiges Atemanhalten. Oder erschreckt es Sie etwa nicht, wenn Barbara Klemm's fliegende Damen auf sie zukommen, fragen Sie sich nicht, wo sich die Messer in der Kartoffel kreuzen, rührt Sie die Figurenarche bei Wolfgang Fuhrmannek nicht, wo über dem blauen Hut des Wesens mit dem Hund auf dem Globus das Wort "Africa" steht? Peter Lindberg's Diva: spielt sie Fingertheater, ist sie eine inspirierte Tänzerin, lässig, luxuriös oder lasziv oder alles? Und mein "Moby Dick" von Martin Pudenz: Welch ein Blau! Bewaffnen sich die Wale jetzt? Wen werden sie angreifen? Bei Ben Oyne scheint der Herr im Taxi eine ganz außergewöhnliche Vorfreude auf den Kasten-Inhalt zu spüren, was sein Hündchen zu Sekundär-Appetit verführt. Und dann die Vielfalt von Verfahren, Fotografie als sehr sehr breiter Oberbegriff für unterschiedlichste Techniken zwischen Computer und Bromöldruck. Neben der formalen Komplexität gibt es noch mehr Überraschungen! Die professionelle Mixtur der Fotografinnen und Fotografen. Werbe-, Mode-, Reportagebilder, Kunst-Lichtbilder, und, sollten Sie raten, welches Bild aus welcher Ecke kommt, werden Sie wahrscheinlich ganz schön schief liegen. Das gehört nämlich mit zu dieser grossen Bilderlust, daß man es verwechselt. Der Modefotograf als Verwechslungskünstler - die Gattungen vexieren sich gegenseitig.
Mit den Mitteln des Werbeplakats für nichts als für Bilder und für Aufmerksamkeit zu werben: das ist klug! Denn wenn die BilderLust erstirbt, der ästhetische Profit vor die Hunde geht, wenn Plakate an ihrer Botschaft ersticken, dann Gute Nacht Plakat! Die Deutsche Städte-Reklame hat sich um die Plakat-Schaulust verdient gemacht.
Heute steht in der BILD-Zeitung eine unglaubliche Geschichte. Eine eigentlich unglaubwürdige Geschichte, aber ich weiß zufällig, daß sie wahr ist - zumindest in weiten Teilen. Eine Frankfurter Bürgerin, Adelheid Börger, hat den Deutschen Fototagen ein Haus, ihr Haus geschenkt. Diese fulminante, wunderbare Schenkung trifft einerseits die Richtigen, andrerseits trifft sie mitten hinein ins derzeitige kulturpolitische Vakuum. Die Deutschen Fototage sind seit sechs Jahren in Frankfurt. Sie verstehen sich mit ihren raumgreifenden Projekten wie "Deutsche sehen Deutsche", dem Fotomuseum.de im Internet, mit vielen, vielen Ausstellungen aller Avantgarden der Fotografie, als Diensteistungsbetrieb, als Muse für die Künstler, als Forum und Informationsstelle zeitgenössischer Fotografie für Journalisten und Werbetreibende. Als öffentliche Einrichtung ohne öffentliche Mittel. Das muß die Stadt freuen! Uns jedenfalls freut es sehr, schließlich hätten wir heute keine BigPlayers hier ohne die Fototage. Aber sind wir sicher, daß es die Stadt freut? Jetzt, wo Frau Börger ihr Haus in der Sternstraße den Fototagen schenkt und damit der Stadt, den Bürgern, uns: jetzt wollen wir doch mal sehen, ob es stimmt, daß es in Deutschland nicht vieles gibt, was schwieriger ist, als ein Geschenk loszuwerden oder auch anzunehmen. Da lauert als würgende Boa Constricta die Schenkungssteuer und da muß über das sagenhafte Geschenk hinaus noch ein bißchen was zusammenkommen für Umbau und Renovierung. Ob das genug Köder ist für die Stadt? Warten wir es nicht ab. Sonst wird aus dem Geschenk eine schöne Bescherung! Machen wir es zumindest im Kleinen wie die großzügige Frau Börger.
Ich möchte das entstehende Schenkungs-Haus, das "Haus zu den drei Affen" nennen, "zu den drei verkehrten oder eigentlich richtigen Affen": Augen auf, Ohren auf und reden, reden, reden und singen. Für die Augen die Fotografie, vielleicht Video dazu, experimentelles Fernsehen, jedenfalls die ganze Breite der Deutschen Fototage - für die Ohren: Literatur, warum nicht einen literarischen Salon im Keller - fürs Singen die Kammeroper, die dort einziehen wird. Ein summendes, brummendes Kommunikationszentrum - genau den richtigen Ort für die große Lust auf große Bilder.
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