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Hier finden Sie die Eröffnungsrede von Prof. Dr. Heiner Boehncke anläßlich der Ausstellung der BigPlayers in der Plaza der Commerzbank in Frankfurt am Main im September 1998.
Zum Geleit
Charakteristische Stadtbilder und die lokale
Eigenart der Städte sind im Wachstum der Vororte untergegangen.
Der Massentransport von heute tötete das müßige
Flanieren - man fährt aneinander vorbei, statt sich zu begegnen.
Die virtuelle Öffentlichkeit der Medien verdrängt kommunales
Leben. Und Stadtsoziologen sprechen vom Verfall des öffentlichen
Lebens. Der öffentliche Raum ist krank, man muß etwas
für ihn tun.
Architekten und Stadtplaner entwickeln schon
seit einiger Zeit neue Ideen. Experten der politischen und kommerziellen
Werbung gestalten den Stadtraum mit. Trotz ihrer oft perversen
Mitteilungen haben die visuellen Zeichen auch positive Funktionen.
Urbanistischer Purismus ist keine Altrnative; unsere modernen
Stadträume wären trist. In Amerika hat selbst Hochkunst
Teil an der Freude an lebhaften Akryl-Farben. Die Superplakate
von Los Angeles, sog. "Spectaculars", werden in leuchtenden
Farben nach Dias handgemalt, und selbst Avantgardekünstler
wie Ed Ruscha können der Versuchung nicht widerstehen. In
Europa sind kleinere Plakate noch sinnvoll, der fotomechanische
Druck ist angemessen. Aber auch hier ist öffentliche Werbung
ein letztes Refugium der Kunst: Sie schockiert und provoziert
öffentliche Disskusion, wo die Kunst in Museen dies nicht
mehr vermag. Künstler bemühen sich daher schon lange
um die Überschreitung des Museums. Die ästhetische Erfahrung
sucht den öffentlichen Raum.
Die alltägliche Einöde füllt
sich mit Zeichen. Kommunikation findet statt, Verweise werden
gegeben, Gruppen sind angesprochen. Könnten in kommerzielle
und politische Plakatwerbung alternative Stimmen eingewoben werden,
so könnte dies museale Kunst und öffentlichen Raum revitalisieren.
Historisch gesehen, war der Fotograf zunächst
zu ganz kleinen Formaten verurteilt. Emulsionen waren sehr langsam,
und kleinere Negative bedeuten kürzere Belichtungszeiten.
Eine Steigerung der Bildgröße war nur über eine
Steigerung des Negativs möglich. Doch in den 1880er Jahren
kamen Gelatine-Emulsionen in Gebrauch, die es erlaubten, Kleinbildaufnahmen
routinemäßig zu vergrößern. In den 1920ern
konnten bis zu tausenfache Vergrößerungen gemacht werden.
Mit dieser dramatischen quantitativen Eskalation schaffte die
Fotografie den Sprung von Kunst und Handwerk zum Massenmedium.
Die Vervielfältigungstechnik entwickelte
sich sprunghaft, und illustrierte Zeitungen schalteten um auf
Fotografien. Produktwerbung und politische Propaganda folgten,
wobei die medientechnisch gewiegten Nazis Pionierarbeit leisteten.
Die Wirkung von El Lissitzky´s Fotofries über Errungenschaften
der sowjetischen Revolutionsregierung, das auf der internationalen
Presseausstellung (Pressa) 1928 in Köln gezeigt wurde, war
Auslöser für eine Reihe von Großfotomontagen,
mit denen Industrie und Politik Eigenwerbung betrieben. In den
USA waren fotografische Großformate fast nur in der kommerziellen
Werbung anzutreffen-und im Kunstbereich, der eng mit Politik und
Wirtschaft verflochten war. Beispiele sind die Fotoschau "Road
to Victory" im Museum of Modern Art in New York, von Herbert
Bayer unkonventionell präsentiert in Form mobieler, selbstständiger
Exponate und eines riesigen Fotomurals; und "The Family of
Man" (1955), inszeniert von Edward Steichen, die erfolgreichste
Ausstellung aller Zeiten, die den Besucher unverhofften visuellen
Schokerlebnissen aussetzte und in großräumige Bilddialoge
verwickelte.
Diese Ausstellung markierte den Punkt, an dem
Überdimensionalität zur technischen Spielerei geworden
war. Von da an sollte großformatige Fotografie in tausend
Kontexten florieren. Das intime Format der Anfänge war vergessen,
und plakative Großversionen kleinformatiger Originale wurden
in den Museen aufgehängt ohne Rücksicht auf deren Tonalität
und sensibles Lichtspiel. Beliebige Vergrößerung schien
im Wesen des Mediums zu liegen.
Selbst in der Malerei wurde die Vergrößerung
zum Leitmotiv. Warhols serigrafische Themen decken die totale
Manipulierbarkeit moderner Kulturikonen auf; Chuck Closes gemalte
Vergrößerungen von Schnappschußfotos verweisen
auf das Element der Arbeit, auf die im gedankenlosen Automatismus
fotografischen Kopierens verlorengegangene Kunst des analytischen
Sehens. Richard Hamilton erkundet die Grenze der Lesbarkeit fotografischer
Vergrößerungen.
In den siebziger Jahren begannen die Fotografen
selbst über den Umgang mit ihrem Medium nachzudenken. Ugo
Mulas zeigte die Grenzen der Bildlichkeit in seiner "Verification"
-Serie, die vom Negativ (noch kein Bild) bis zur Supervergrößerung
reichte (Silberpartikel ohne Form - kein Bild mehr). Dieser analytische,
distanzierte Umgang mit dem Vergrößerungsprozeß
bemüht sich zunächst um Materialgerechtigkeit und mediale
Selbstfindung, die sich schlieslich zur Kulturkritik erweitert.
Doch der direkt politische Einsatz fotografischer Großformate
in den sechziger Jahren leitete eine Wende ein, die in den Werken
etwa von Barbara Kruger (USA) und Katharina Sieverding (Deutschland)
kulminierte.
Am Ende der sechziger Jahre machten provokative
Plakate dem Monopol der affirmativen Werbung von Staat und Wirtschaft
ein Ende. Gegenstimmungen suchten die Öffentlichkeit aufzurütteln.
Doch war das Museum noch elitär, und Großwerbeflächen
waren in Händen des Wirtschaftskapitals. In den achtziger
Jahren verwandelten Künstler Museumshallen in Foren alternativer
Öffentlichkeit. Und Künstler erscheinen auf den überdimensionalen
Werbeflächen des großstädtischen Raums. Felix
Gonzalez-Torrez zeigt ein leeres Bett mit dem Abdruck zweier Menschen
in den Kopfkissen - eine visuelle Schweigeminute, Absenzen von
großer Sprengkraft; Assoziationen mit AIDS. Barbara Kruger
appropriiert die aggressive Sprache und Bildlichkeit der kommerziellen
Werbung. Katharina Sieverding reagiert auf akuten Anlaß:
"Deutschland wird deutscher".
Es gibt interessante Variationen des Genres.
Doch große Werbeflächen säumen Hauptverkehrsstraßen
mit anonymer Öffentlichkeit, und sie müssen mit Zeichen
von allgemeiner Relevanz versorgt werden. Die Künstler haben
die Herausforderung angenommen. Was gebraucht wird, sind undifferenzierte
Bildrhetorik und Zeichen, die Identität fördern und
Gemeinschaft stiften können. Vereinzelte politisch engagierte
Künstlerplakate können das nicht bewältigen - sie
gehen in der überwältigenden Masse der Konsumreklame
unter.
Deutsche Städte-Reklame und Deutsche Fototage
GmbH haben eine alternative Konzeption erarbeitet. Zwanzig deutschen
Fotografen wird landesweit der Zugang zur Großwerbung im
urbanen Feld eröffnet. Für mehrere Wochen werden diese
Plakatflächen zum wandlosen Museum, so groß wie die
Republik, zugänglich ohne Eintrittsgeld. Ein Museum, weil
weder Produktwerbung noch politische Agitation betrieben wird,
sondern ein ganzes Bildmedium in seinen verschiedenen Branchen,
Techniken und Hauptvertretern vorgestellt wird. Vom Inhalt her
also eine ganz normale Ausstellungskonzeption, doch mit einem
völlig neuem Darstellungsprinzip, im Riesenschritt von der
geschützten Galeriewand zum öffentlichen Großplakat
für den Massenkonsum mitten in der Stadt.
Fernsehen und Computer haben den öffentlichen
Raum von seinen traditionellen, politischen und kommerziellen
Funktionen entlastet. Der Hochdruck ist weg, ein gewisser Spielraum
tut sich auf; kann die Fotografie ihn sinnvoll nutzen?
Prof. Ulrich Keller
(University of California, Santa Monica, Department of Architecture and Arts)
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